Für mich ist Musik immer eher etwas, das passiert. Etwas, das vorkommt, auf- und abschwappt, ein bojenartiges Auftachen klanglicher Ereignisse, die in der Summe natürlich mehr als ihre einzelnen Teile sind: insgesamt ein schönes Sirren, Simmern, Wimmern und Wummern, ein Leiern, Lärmen, Eiern und Oszillieren; ein Winden und Walzen und Walzern und Walgen innendrin erzeugen, im tiefen Walfischbauch des Innenohres und den dort angestöpselten Signalverwaltern, Klangentschlüsslern und Wortverstehern, kurz: den magischen Tools in Körper, Geist und dem anderem schrulligen Zeug, das uns als Menschen vom Stein zu unterscheiden scheint. Jene Versteh- und Fühlwerkzeuge, die aus dem Gehörten dieses irre Unbenennbare machen, nach dem der mürbe Mensch sich sehnt: das klingende Singen von innerer Regung und Empfindung. Klingt kompliziert, ist es vom Prinzip her auch – vom Ergebnis natürlich aber nicht.

Das dichteste Erleben von Musik ist für mich immer wie das Wahrnehmen eines Geruchs, einer Farbe, wie ein vorversprachlichtes, noch nicht als Denken formuliertes, aber trotzdem sonderbar deutliches Bild einer Erinnerung, Emotion oder einem ähnlichen, eruptiven Ereignis im endlosen Geschiebe menschlicher Selbsterfahrungsmöglichkeiten. Music ist nämlich, wie schon die Philosophen des Urban Cookie Collectives – wahrscheinlich in Anlehnung an Albert Aylers Idee von Musik als „the healing force“ – formulierten: „the key, the secret“.

Auch die Weihnachtszeit und das Drumherum empfand ich als Kind als Tage und Wochen von sinnlicher und sensorisch überwältigender Dichte – als ein Rausch und Rauschen aus ineinanderdriftenden Eindrücken von Gewürzgerüchen, gelegentlichen Geräuschen von im Dorf zuschlagenden Autotüren weit angereister Verwandtschaft und dem rieseligen Grieseln des zwischen tumber Besinnlichkeit und wirrem Krawall flackernden Fernsehprogramms. Ich erlebte als Kind schon viele Eindrücke oft überdeutlich und viele überrumpelnd gleichzeitig – wie rasant gezogene Registerzüge von dort untrennbar angekuppelten Zuständen in Gemüt und Erinnerung.

Aus diesem Zugang zu Welt und Musik heraus, bereitet mir natürlich im Musikalischen das Arbeiten mit bereits existierendem, vorgefundenem, schon irgendwie codiertem, im positiven Sinne vorbelastetem Material große Freude. Das freie Vermengen mehr oder weniger zufälliger – unter gewissen Parametern dabei natürlich kontrollierbarer – nicht im eigentlichen Sinne sogenannt ge-sample-ter, sondern eher puristisch und – wie aus der Umwelt organisch auf einen einprasselnd – spontan geschichteter Klangquellen gehört hierbei zu einem hohen Prinzip. In den letzten Jahren war – wie hier im Video – das Schichten und Verdichten loser Texturen von diversen Vinyltonträgern ein mir liebgewonnenes Prinzip.

In diesem Video widme ich mich weihnachtlichem Vinylmaterial in freier Plunderphonics-Manier. Als in- und um- und auseinanderdriftende Bruchstückwolken umwehen sich (und mich) dort spontane Cut-Up-Schleifen schöner Chöre.

In diesem Sinne: bleibt aufmerksam, sinnlich, offen und beeindruckt – und hört nicht auf zu hören. Bleibt gelassen, gesund und gut beisammen.

Euer lieber guter Ohrenbär,
Martin Hiller

3. Januar 2021

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